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04.05.2009

Ostsee-Partnerschaft bringt dem Markttreff Energie

Wenn alle Pläne in trockenen Tüchern sind – dann wird der „Markttreff“ in Brodersby als erster von 27 Einrichtungen dieser Art in Schleswig-Holstein komplett aus regenerativer Energie versorgt: Ab sofort füttert eine Biogasanlage aus der Nachbarschaft Wasser und Heizung mit Abwärme. Folgen sollen neue Kühlaggregate und als Stromquelle eine Windkraftanlage. Um den Rotor zu finanzieren, hat die Gemeinde an der Schlei das Interreg-Programm der EU ins Visier genommen. Brodersby würde dadurch Teil eines Innovations-Netzwerks zur Logistik im ländlichen Raum mit Partnern aus Finnland und Estland.
Brodersby
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sh:z


Die Leitungen, die von der Biogasanlage Horst Hansens am nordöstlichen Ortsrand von Brodersby zum „Markttreff“ der Gemeinde führen, sind erst der Anfang. Sie sorgen dafür, dass seit diesen Tagen die Abwärme aus dem Biogas für die Heizung und Warmwasserversorgung des Dorfladens genutzt wird.

Die Gemeindevertretung, die die moderne Variante des Tante-Emma-Ladens ebenso wie die Landesregierung unterstützt, hat dem Markttreff gerade in Aussicht gestellt, die Anschaffung stromsparender Kühlaggregate zu fördern. Zunächst sollen dafür die konkreten Kosten ermittelt werden. Doch für Bürgermeister Bernd Blohm ist schon jetzt klar, dass es sich lohnt, an diesem Rad zu drehen: Von den rund 15 000 Euro Gesamtstromkosten des „Markttreffs“ pro Jahr entfallen etwa 10 000 auf die Kühlaggregate. „Da hat man das Geld für eine Neuanschaffung moderner Varianten in einem absehbaren Zeitraum wieder raus“, zeigt er sich überzeugt. „Solche und andere Schritte zu einer modernen Energieversorgung tragen dazu bei, dass wir unseren Kunden stabile Preise bieten können“, unterstreicht „Markttreff“-Betreiber Alf Schmidt.

Abgesegnet hat die Gemeindevertretung auch den Vorschlag des Bürgermeisters für eine Teilnahme Brodersbys an einem grenzüberschreitenden Projekt für lokale Logistik im ländlichen Raum. Es soll über drei Jahre aus dem Interreg-Programm IV B der EU zu 75 Prozent gefördert werden. Den Partnern vor Ort verbleiben 25 Prozent. Das ist außergewöhnlich günstig; bei den meisten Förderprogrammen muss der kommunale Partner die Hälfte aufbringen. Es geht bei der Logistik um EU-Geld von 1,9 Millionen Euro, das sich sechs Projektpartner im Ostseeraum teilen. Neben Brodersby sind dies kommunale Zusammenschlüsse vom nördlichsten Abschnitt der schwedischen Ostseeküste, vom mittleren Abschnitt der Westküste Finnlands, aus dem südlichen Estland sowie für eine wissenschaftliche Begleitung die Universität Helsinki.

Logistik, das haben Vorgespräche ergeben, versteht die EU in diesem Zusammenhang im breiten Wortsinn. „Es geht bei dem Projekt um Versorgung im weitesten Sinn“, hat Blohm bei einer Beratung durch die „Markttreff“-Experten im Kieler Landwirtschaftsministerium erfahren. Wie aus einem Papier aus dem dortigen Fachreferat hervorgeht, ist die Gemeinde zwischen Schleswig und Süderbrarup geradezu prädestiniert für eine Teilnahme. In der Thematik Grundversorgung im ländlichen Raum tue sie sich als eine der aktivsten im nördlichsten Bundesland hervor, heißt es darin.

So macht sich der Bürgermeister Hoffnung, zur weiteren Umstellung des „Markttreffs“ auf natürliche Energie eine Windkraftanlage finanzieren zu können. Mit etwa 120 000 Euro werde der Rotor zu Buche schlagen. Gedacht ist an eine Kapazität zur Erzeugung von cirka 40 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. „Es wird auf jeden Fall eine kleine, für das Ortsbild absolut verträgliche Anlage“, verspricht Blohm. Auf dem Tisch liege ein Standort in der Nachbarschaft der Biogasanlage. Genauere Erörterungen mit dem Kreis stünden aber noch aus. „Alternative Energien“, hebt Blohm hervor, „passen auch deshalb so gut zum ,Markttreff’, weil dieser das Konzept verfolgt, das zu nutzen, was ohnehin schon vor Ort vorhanden ist.“

Das „eigentlich Spannende“ am Logistik-Projekt sehen Bürgermeister und Betreiber in einem Erfahrungsaustausch über Versorgung im ländlichen Raum mit den ausländischen Partnern. „Wir sind stets auf der Suche nach weiteren Ideen, wie sich das ,Markttreff-Konzept’ abrunden lässt“, sagt Schmidt. „Vielleicht ist in den Weiten Estlands ja schon irgend etwas Pfiffiges entstanden, was sich auch auf die Schleiregion übertragen lässt“, meint Blohm.

Bereits zu ihnen herumgesprochen hat sich eine Idee aus Nordschweden: ein Raum, in dem Pakete mit Bestellungen der Dorfbewohner von auswärts deponiert werden. Je mehr über das Internet geordert wird, desto stärker gewinnen sie an Bedeutung. „So etwas wäre auch praktisch für Brodersbyer, die den ganzen Tag in Schleswig arbeiten“, findet Blohm. „Wenn man so einen Raum an den ,Markttreff’ andocken würde, könnten sie dort am Spätnachmittag oder nächsten Morgen ihre Sendungen abholen.“

In Vorbereitung ist, wie bereits berichtet, im Brodersbyer „Markttreff“ in Kooperation mit den Landfrauen ein Mittagstisch für Kinder. Darin sieht Betreiber Schmidt ebenso wie in einer noch stärkeren Einbeziehung regionaler Produkte ins Sortiment Zukunftspotenzial für seinen Laden. Für beide Felder gibt es nach den Vorgesprächen des Bürgermeisters eine Perspektive, ebenfalls an das Logistik-Projekt angedockt zu werden. Das kann nicht nur Chancen für Geld, sondern auch für einen hohen Bekanntheitsgrad eröffnen: in anderen Ostseeländern und zunächst einmal innerhalb Schleswig-Holsteins. Regelmäßig treffen sich nämlich die 25 „Markttreff“-Betreiber zum Erfahrungsaustausch. „Alles, was wir in Brodersby machen, kann auch die anderen Kollegen inspirieren“, sagt Schmidt. „Es geht hierbei nicht nur um meinen ,Markttreff’.“

FRANK JUNG
Autor: Frank Jung, 04.05.2009 
Quelle: www.shz.de